02.10.2026: THE PASSING OF THE YEAR – Konzert Theater Coesfeld
The Passing of the Year – Musik über Wandel, Erinnerung und europäische Verbundenheit
Dieses Programm entfaltet ein vielschichtiges musikalisches Narrativ über Wandel, Erinnerung und kulturelle Resilienz. Es verbindet Werke aus drei Jahrhunderten zu einer dramaturgischen Reflexion.
Am Vorabend des Tages der Deutschen Einheit richtet es den Blick über nationale Grenzen hinaus auf die europäische Idee: auf ein Miteinander, das aus Brüchen gelernt hat und aus Vielfalt Kraft schöpft.
Jahreszeiten als Spiegel innerer und gesellschaftlicher Transformation
Jonathan Doves Zyklus “The Passing of the Year” bildet den dramaturgischen Rahmen. Die sieben Sätze zeichnen den Jahreslauf als poetische Metapher für Übergänge: das Erwachen des Frühlings, die Überhitzung des Sommers, die Erschöpfung des Herbstes und die existenzielle Stille des Winters.
In dieser musikalischen Bewegung spiegelt sich die Frage, wie Gesellschaften Wandel gestalten, wie sie Verlust erinnern und wie sie Hoffnung neu formulieren.
Fanny Hensels Sätze aus “Das Jahr” öffnen diesen Bogen mit einer Perspektive des Aufbruchs. Ihre Musik, entstanden im 19. Jahrhundert, wirkt wie ein historischer Resonanzraum, in dem sich die späteren Brüche des 20. Jahrhunderts bereits leise ankündigen.
Stimmen des 20. Jahrhunderts: Spiritualität, Poesie und Widerstand
Die Werke von Olivier Messiaen und Francis Poulenc führen in die geistigen und emotionalen Landschaften des 20. Jahrhunderts. Messiaens “O sacrum convivium” entfaltet einen Raum spiritueller Sammlung, in dem Zeit aufgehoben scheint.
Poulencs “Un soir de neige”, 1944 nach Gedichten Paul Éluards komponiert, zeichnet vier eindringliche Winterbilder: Erstarrung, Überlebenskampf, das ambivalente Zeichen des Holzes – Hoffnung und Tod zugleich – und schließlich die Einsamkeit des Menschen.
Diese Musik ist keine Illustration, sondern Verdichtung: ein stiller Kommentar zur Erfahrung von Krieg, Entwurzelung und innerer Beharrlichkeit.
Alfred Tokayer: Eine wiederentdeckte Stimme des europäischen Exils
Einen besonderen Schwerpunkt bilden die selten aufgeführten Lieder des jüdischen Komponisten Alfred Tokayer (1900–1943). In Köthen geboren, in Berlin und Frankfurt ausgebildet, Schüler von Ernst Toch, Kapellmeister in Bremen und Berlin – Tokayer war eine der vielversprechenden musikalischen Stimmen seiner Generation.
1935 floh er nach Frankreich, wo er als Flüchtling nicht arbeiten durfte. Ein Filmmusikauftrag führte ihn nach London, 1938 gewann er in Paris einen Wettbewerb von Radio France.
Seine in Paris entstandenen Lieder bewahren die Stimme eines Künstlers, der trotz Entrechtung und existenzieller Unsicherheit schöpferisch blieb. In einem seiner letzten Briefe schrieb er:
“Wir wissen nicht, was uns die Zukunft bringt, aber wir werden versuchen sie mit so viel Courage und Hoffnung zu leben, wie wir es auch in besseren Zeiten getan hätten.”
Nach seiner Rückkehr nach Frankreich wurde er verhaftet, im Internierungslager traf er zufällig seine Eltern wieder. Am 25. März 1943 wurde er nach Sobibor deportiert und dort vermutlich kurz nach seiner Ankunft ermordet.
Seine Musik ist ein seltenes Zeugnis jüdischen Komponierens im Exil – ein leiser, aber unüberhörbarer Beitrag zum kulturellen Gedächtnis Europas.
Les Lumières und Nina Gurol: Musik als europäischer Dialograum
Les Lumières versteht sich als Ensemble für Völkerverständigung und europäische Dialogkultur. Die künstlerische Arbeit des Ensembles verbindet historische Sensibilität mit gesellschaftlicher Verantwortung.
Die Pianistin Nina Gurol, junge Pianistin zweier Kulturen, verkörpert diese Idee in besonderer Weise. Ihr künstlerisches Profil verbindet virtuose Klarheit mit einer tiefen Auseinandersetzung mit existenziellen und gesellschaftlichen Themen.
Ihre Forschung zu Musik in transkulturellen Trauerprozessen und ihr Engagement in der Sterbebegleitung verleihen diesem Programm eine zusätzliche Dimension: Musik als Ort, an dem Verletzlichkeit, Erinnerung und Hoffnung miteinander in Beziehung treten.
Ein europäischer Moment
Am Vorabend des Tages der Deutschen Einheit entsteht so ein Programm, das nicht nur historisch reflektiert, sondern europäisch weitet. Es erzählt von Brüchen und Neuanfängen, von Exil und innerer Freiheit, von poetischer Verdichtung und spiritueller Weite.
Vor allem aber erzählt es von der Kraft kultureller Resilienz – jener Fähigkeit, aus Vielfalt, Erinnerung und gegenseitigem Zuhören eine gemeinsame Zukunft zu gestalten.
Programm
Fanny Hensel: “Das Jahr” – Nr. 1 “Januar” und Nr. 3 “März” (Präludium und Choral)
Olivier Messiaen: O sacrum convivium
Francis Poulenc: Salve Regina
Francis Poulenc: Un Soir de neige (De grandes cuillers de neige / La bonne neige / Bois meurtri / La nuit le froid la solitude)
Alfred Tokayer: Soir, Le Vagabond, Une femme a passé, Où vas-tu donc mon cœur?, Le monde est méchant, Obsession
Jonathan Dove: The Passing of the Year (Invocation / The Narrow Bud Opens Her Beauties to the Sun / Answer July / Hot Sun, Cool Fire / Ah, Sun-Flower! / Adieu! Farewell Earth’s Bliss / Ring Out, Wild Bells)
Besetzung: Klavier Nina Gurol, Les Lumières
Termin: Freitag, 02.10.2026, 19:30 Uhr
Ort: Konzert Theater Coesfeld, Osterwicker Straße 31, 48653 Coesfeld
Preise: 18,00 € / 22,00 € / 26,00 €
Veranstalter: Ernsting Kunst- & Kulturstiftung
Foto: Sophia Hegewald
Programm unter Vorbehalt.